Eine (Zeit-)Reise durch Westfalen-Lippe
Vom Münsterland bis ins Sauerland sind es nur gut 1000 Schritte – zumindest im LWL-Freilichtmuseum Detmold. Das Museum zeigt ländliche Lebensweisen aus ganz Westfalen-Lippe aus den letzten 500 Jahren. Neben den nach historischen Vorbildern eingerichteten Höfen, Kotten und weiteren Gebäuden sind dort auch alte Nutztierrassen und Pflanzensorten in einer Kulturlandschaft zu erleben, wie sie in den vergangenen Jahrhunderten für diese Region typisch war.
Warum war Minze früher ein beliebtes Mitbringsel? Wozu brauchte man eine Bleichhütte? Was ist ein Kammerfach? Und seit wann verbringen Menschen ihren Urlaub im Sauerland?
Die Alltagsgeschichte Westfalen-Lippes ist so facettenreich wie die Region selbst. Das LWL-Freilichtmuseum Detmold des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, Deutschlands größtes Freilichtmuseum, widmet sich dem Leben und Wirken der Menschen in diesem Landstrich. Auf 90 Hektar Freigelände und dazu bald in einem modernen Ausstellungsgebäude zeigt das Museum, wie sich das Leben, das Wohnen, das Arbeiten und der Alltag der Menschen in den letzten 500 Jahren verändert hat, aber auch, welche Konstanten zu finden sind und wie die Geschichte bis in die Gegenwart hineinwirkt. Dabei repräsentieren die Gebäude, Einrichtungen und Gartenanlagen des Museums nicht nur verschiedene Zeitschnitte zwischen dem 16. Jahrhundert bis in die 1960er Jahre, sondern sie stehen auch exemplarisch für die unterschiedlichen Teilregionen Westfalen-Lippes. Der Aufbau des Museums folgt dabei einem wohldurchdachten Plan, der bereits in der Gründungsphase des Museums in den 1960er Jahren festgelegt wurde und weitestgehend bis heute Bestand hat.
Beeindruckende Häuser

Das Haupthaus des Münsterländer Gräftenhofes ist ein besonders beeindruckendes Exemplar des niederdeutschen Hallenhauses.
Quelle: LWL/ Studio Hesterbrink-Pölert
Im Norden Westfalens liegen die alten Fürstbistümer Osnabrück (das bis 1803 zu Westfalen gehörte) und Minden sowie die ehemaligen Grafschaften Tecklenburg, Ravensberg und Lippe. Die Landschaft ist geprägt durch Teutoburger Wald und Wiehengebirge sowie fruchtbares Hügelland im Übergang zur norddeutschen Tiefebene. In diesem Gebiet waren besonders beeindruckende Beispiele des niederdeutschen Hallenhauses verbreitet, eine Form des Bauernhauses mit befahrbarer Diele in Längsrichtung, seitlichen Ställen und Wohnräumen unter einem Dach. Diese waren häufig in lockeren Gruppen aus mehreren Hofanlagen mit Wirtschafts- und Nebengebäuden und einigen Kotten angeordnet.
Diesem Vorbild folgen der Mindener Hof, der Osnabrücker Hof und der Lippische Meierhof, die sich im Museumsgelände ebenfalls im Norden befinden. Umgeben von nach historischen Vorbildern angelegten Nutzgärten mit alten, regional verbreiteten Pflanzensorten sowie Äckern und Wiesen zeigen sie das bäuerliche Leben in der Zeit von etwa 1750 bis 1800. Doch wie fühlte sich das eigentlich an? Wie läuft es sich in Holzschuhen? Wie bedient man ein Butterfass und wie liegt es sich auf einer Strohmatratze? Dies können die Besucherinnen und Besucher im Haupthaus des Osnabrücker Hofes erfahren, denn hier ist Anfassen explizit gewünscht.
Altes Handwerk live erleben

Das Paderborner Dorf ist einem typischen Haufendorf aus dem östlichen Westfalen nachempfunden.
Quelle: LWL/ Robin Jähne

Der Weg vom Korn zum Brot: Eine der drei Mühlen des Freilichtmuseums in Betrieb.
Quelle: LWL/ Stefanie Horst
Im Osten des Museumsgeländes liegt das Paderborner Dorf, das ein für den Osten Westfalens typisches großes, geschlossenes Haufendorf repräsentiert. Gut 40 Gebäude gruppieren sich um Kirchhof, Dorfanger und –teich, umgeben von einem Ring aus Gärten und Obstweiden sowie weitläufigen Ackerfluren. Üblich war eine eher enge Bebauung mit Fachwerkhäusern, deren Giebelseiten oft zur Straße ausgerichtet waren.
In der Zeit um 1900, die im Museum dargestellt wird, waren nur noch wenige Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner Landwirte im Haupterwerb. Zur dörflichen Sozialstruktur gehörten Amtsträger wie Lehrer, Pfarrer und Verwaltungsbeamte ebenso wie Nebenerwerbsbauern, Kaufleute und Gastwirte, Tagelöhner, Knechte und Mägde oder Altenteiler ebenso wie die Dorfhandwerker, deren Kunst man im Museum live erleben kann.

Mühsames Handwerk: Demonstrationshandwerker:innen im Museum zeigen Arbeitsabläufe von früher.
Quelle: LWL/ Karen Stuke
In der Bäckerei und der Dorfschmiede zeigen Handwerkerinnen und Handwerker, wie Brot im Holzofen gebacken wird oder Nägel, Hufeisen und andere Schmiedearbeiten entstehen. Mit einem Fotoatelier von 1891, in dem sich Besucherinnen und Besucher vor historischer Kulisse ablichten lassen können, erhielt im Paderborner Dorf auch die moderne Technik Einzug.
Die Welt unserer Eltern und Großeltern
Noch moderner wird es im Süden des Museumsgeländes: Das Sauerländer Dorf mit seiner Darstellung der Zeit um 1920 sowie der Siegerländer Weiler im Zustand der 1950er bis 1960er Jahre zeigen, wie die Verfügbarkeit von Elektrizität und später die zunehmende Motorisierung das Leben und die Dorfstrukturen veränderten. Für Schulklassen und Jugendgruppen bietet der „Hof Remberg“ ein besonderes Erlebnis: Dort können sie, begleitet von museumspädagogischen Programmen, übernachten wie im Jahr 1925.
In diesem südlich des Rothaargebirges gelegenen Teil Westfalens bestimmten Einzelhöfe, Weiler und Kleindörfer in Tallagen das Siedlungsbild der bewaldeten Mittelgebirgslandschaft. Das niederdeutsche Hallenhaus wird nach und nach vom mitteldeutschen Ernhaus abgelöst, das deutlich kleiner ist und dessen Eingang an der Traufseite liegt.

Im Siegerländer Weiler aus der Zeit um 1950-1960 finden ältere Besucherinnen und Besucher vertraute Anblicke aus ihrer Kindheit.
Quelle: LWL/ Karen Stuke
Der Siegerländer Weiler ist die jüngste Baugruppe des Museums und befindet sich noch im Aufbau. Er soll nach dem Vorbild des 1968 für den Bau einer Talsperre aufgegebenen Ortes Obernau bei Netphen angelegt werden. Von dort konnten mehrere Gebäude vom Museum übernommen werden, die – kombiniert mit anderen Gebäuden aus dem Siegerland – diese Baugruppe bilden werden.
Alte Nutzpflanzen und Tierrassen erhalten

Die Gärten und Äcker im LWL-Freilichtmuseum Detmold sind nach historischen Vorbildern angelegt und beherbergen viele alte Pflanzensorten (hier: Garten des Lippischen Meierhofs).
Quelle: LWL/ Karen Stuke
Der Weg in den Westen des Museumsgeländes wiederum ist ein Sprung zurück in der Zeit. Die dortigen Hofanlagen aus der Hellwegregion, dem Kernmünsterland und dem westlichen Münsterland stellen das bäuerliche Leben im Laufe des 19. Jahrhunderts dar. Sie bestehen aus niederdeutschen Hallenhäusern und Nebengebäuden und sind, wie für diese Regionen typisch, in Einzellage oder in lockeren Gruppensiedlungen angeordnet. Große Nutzgärten und weitläufige Obstwiesen, insbesondere die Apfelbaumallee mit vielen historischen Sorten, prägen das Gelände.

Im Freilichtmuseum werden die seltenen Senner Pferde und andere bedrohte Nutztierrassen gezüchtet.
Quelle: LWL/ Robin Jähne
Hier finden zudem alte, teilweise gefährdete Nutztierrassen aus der Region ihr Zuhause. Auf dem Westhellweghof beispielsweise picken und scharren die „Weißen Krüper“ fleißig, während die Kutschpferde ihre wohlverdiente Ruhepause vom Besuchertransport genießen. Anderswo im Museum findet man Senner Pferde, die älteste Pferderasse Deutschlands, sowie Esel, Siegerländer Rotvieh, Bentheimer Landschafe, Ziegen, Bunte Bentheimer Landschweine oder auch die stark gefährdeten Lippegänse, an deren Arterhalt sich das Museum beteiligt.
Museum mit Zukunft
Esszimmer und Wohnstube einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie um 1860 im „Haus Stahl“, ursprünglich aus Gütersloh.
Quelle: LWL/ Guido Klein
Neben der Wissensvermittlung und der Erhaltung von Bauwerken, Tierrassen und Pflanzensorten ist das LWL-Freilichtmuseum aber noch mit einer weiteren Aufgabe betraut: dem Sammeln und Bewahren von Einrichtungs- und Alltagsgegenständen aus der Region aus den letzten 500 Jahren. Das Museum verfügt bereits über eine beeindruckende Sammlung von gut 300.000 Objekten. Doch diese stellen hohe Ansprüche an ihre Umgebung und vertragen beispielsweise keine Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen, weshalb sie nicht in den historischen Gebäuden gezeigt werden können. Mit dem Bau des neuen Eingangs- und Ausstellungsgebäudes im Museum ändert sich das: Dort können ab 2026 selbst empfindlichste Objekte, die bisher nie zu sehen waren, in einer geschützten Umgebung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Damit eröffnen sich dem Museum neue Ausstellungs- und Präsentationsmöglichkeiten – und den Besucherinnen und Besuchern noch weitere Aspekte der westfälisch-lippischen Lebensgeschichte(n).
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| Dr. Marie Luisa Allemeyer Quelle: LWL/Guido Klein |
