Fachtagung zum Thema „Digitale Gewalt gegen Frauen und Mädchen“

16. Juli 2025: Von Nadine Pier und Kerstin Kosanke, Gleichstellungsbeauftrage, StädteRegion Aachen

Digitale Gewalt ist kein abstraktes Phänomen, sondern eine Form der Menschenrechtsverletzung, die alltäglich passiert – oft im Verborgenen, aber mit tiefgreifenden Auswirkungen auf die körperliche und seelische Unversehrtheit der Betroffenen. Das wurde jetzt auf der Fachtagung „Digitale Gewalt gegen Frauen und Mädchen“ am 11.06.2025 im Energeticon in Alsdorf deutlich. Rund 80 Fachleute, die täglich gegen digitale Gewalt arbeiten – sei es in der Beratung, Forschung, Strafverfolgung, Bildung oder der Zivilgesellschaft, sind dort zusammengekommen, um das Thema aus der Tabuzone zu holen.

Hassbotschaften, Cybermobbing, Cyberstalking, Romance Scamming, Bildmissbrauch und digitale Kontrolle sind nur einige der Ausdrucksformen, mit denen insbesondere Frauen und Mädchen konfrontiert werden. Oft geht es um Sexuelles und Intimes, aber auch darum, zu manipulieren, spalten und auszugrenzen bis hin zu Betrugsdelikten wie Identitätsdiebstahl und vielem mehr. Auch der Einsatz künstlicher Intelligenz, der uns in vielen anderen Bereichen so sehr unterstützt, ist hier eine große Gefahr. Mit KI erstellten Nacktbildern oder Pornos werden Opfer gedemütigt oder erpresst. Oft kennen die Betroffenen digitaler Gewalt die Täterinnen und Täter persönlich – zum Beispiel aus der Familie, dem kollegialen Umfeld oder aus früheren Beziehungen.
„Wir wollen uns hier vernetzen und gemeinsam überlegen, wie wir vor allem Kinder und Jugendliche noch besser schützen können, erklärt Städteregionsrat Dr. Tim Grüttemeier in seiner Eröffnungsansprache. Prävention, Aufklärung, konsequente Strafverfolgung und ein sicherer rechtlicher Rahmen sind notwendig – ebenso wie funktionierende Schutzmechanismen und Unterstützungs- und Hilfsangebote. Um diese zu entwickeln und weiterzuentwickeln, braucht es den fachlichen Austausch, die Vernetzung von Akteurinnen und Akteuren sowie den gemeinsamen Willen zur Veränderung. Dieser wurde bei der Fachtagung deutlich.
Geplant und durchgeführt wurde sie von Nadine Pier, der stellvertretenden Gleichstellungsbeauftragten der StädteRegion Aachen, die gemeinsam mit Kerstin Kosanke als neuer hauptamtlicher Gleichstellungsbeauftragte das aktuelle Gleichstellungsteam der StädteRegion Aachen bildet. Vor dem offiziellen Beginn gab es die Gelegenheit zu einem Get-together. An Informationsständen verschiedener Beratungsstellen konnte sich das Fachpublikum aus Politik, Verwaltung, Schule, Beratungsstellen sowie Multiplikatorinnen und Multiplikatoren informell vernetzen. Durch den Austausch gab es auch neue Erkenntnisse über die innerhalb der StädteRegion Aachen vorhandenen Beratungs- und Hilfestrukturen.

Abwechslungsreiches Programm aus Vernetzung, Diskussionen und Fachvorträgen
„Wir alle können schon im Kleinen zu Hause damit beginnen, uns zu schützen. Einige Fälle digitaler Gewalt können durch IT-Sicherheitsmaßnahmen verhindert oder zumindest eingedämmt werden. Unsere Geräte wie Tablets, PCs, Laptops, Smartphones und co. können wir schon mit einfachen Mitteln schützen und es Täterinnen und Tätern schwerer zu machen, an unsere Daten und Dateien zu kommen“, so Grüttemeier.
Das fängt bei einem aktualisierten Virenschutz an und reicht von der Auswahl eines sicheren Passwortes über die Privatsphäre Einstellung in Sozialen Netzwerken bis hin zur Ausschaltung der Standortübermittlung in Apps. Das Abkleben oder Ausstellen von Mikrofonen und Kameras, sowie die Überprüfung, welche Daten wir wo preisgeben, gehören auch mit dazu.


In einer Podiumsdiskussion ging Nadine Pier mit Städteregionsrat Dr. Tim Grüttemeier (re.), dem Dezernenten für Gesundheit, Soziales und Digitales der StädteRegion Aachen, Dr. Michael Ziemons und dem Dezernenten für Jugend, Schule und Soziales der Stadt Alsdorf, Tim Krämer (li.) detaillierter auf Themen wie die Istanbul-Konvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und der Frage, was sich in Schulen, Justizeinrichtungen und auf kommunaler Ebene tun muss, um digitaler Gewalt vorzubeugen und diese verfolgen zu können, ein. So wurde deutlich, dass bestehende gesetzliche Regelungen häufig hinter der technischen Entwicklung zurückbleiben und es daher dringend konkreter politischer Maßnahmen sowie einer konsequenten Strafverfolgung bedarf.
Quelle: Marijke Stasch

Beweismittelsicherung und Hilfsangebote
Eindrücklich schilderte Dr. Michael Ziemons einen Fall aus der Schule seiner Tochter. Ein Mädchen hatte sich mit einem Fake-Profil im Internet als ein Junge der Schule ausgegeben und so Kontakt zu einem anderen Mädchen aufgenommen. Dieses ging davon aus, mit dem realen Jungen zu flirten. „Internet, Social Media, Digitale Welten, all das geht nicht mehr weg und gehört zu unserem Leben dazu. Abschalten und Wegschauen ist auf Dauer keine Lösung. Uns geht es mit diesem Fachtag darum, Fachkräfte zu stärken, damit sie junge Frauen und Mädchen stärken können, sich sicher in der digitalen Welt zu bewegen“, so Ziemons. Bei Vorfällen digitaler Gewalt sollte man sich nicht scheuen, so viele Beweismittel wie möglich zu sichern, auch wenn die Tat an sich für die meisten Opfer mit großer Scham verbunden ist: Chatverläufe, Emails, Links. Es ist wichtig, Strafanzeige bei der Polizei zu erstatten, das geht auch Online und anonym. Zudem gibt es deutschlandweit etliche Beratungsstellen, an die man sich wenden kann. „Derzeit ist das Thema zwar präsent, aber es wird trotzdem nicht drüber gesprochen“, ist sich der Dezernent für Jugend, Schule und Soziales der Stadt Alsdorf, Tim Krämer, sicher.
Die anschließende, rege Beteiligung des Publikums zeigte, wie wichtig und aktuell diese Themen sind. Der Podiumsdiskussion folgten verschiedene Fachvorträge. Zum Thema „digitale Gewalt“ referierte Peter Arz (Abteilung Opferschutz der Polizei Aachen). Er stellte heraus, dass die Grenzen zwischen analoger und digitaler Gewalt zunehmend verschwimmen und daher ein integrierter Schutzansatz notwendig sei. Die stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte der StädteRegion Aachen, Nadine Pier, führte in ihrem Vortrag die These aus, dass insbesondere Frauen mit Behinderung mehrfach gefährdet seien, digitale Gewalt zu erfahren – und gleichzeitig weniger Zugang zu Schutz- und Unterstützungsangeboten hätten. Den Abschluss fand die Veranstaltung in einem Vortrag von Cordelia Moore, die bundesweit als Beraterin zum Themenkomplex Digitale Gewalt tätig ist. Sie betonte, dass digitale Gewalt keine Randerscheinung, sondern ein strukturelles Problem sei, das tief in patriarchalen Machtverhältnissen verwurzelt ist.

 


Logo „Keine Gewalt“.
Quelle: Städteregion Aachen

Ort der Verantwortung

Die Fachtagung war nicht nur ein Ort des Austauschs, sondern auch Ort der Verantwortung. Die Rednerinnen und Redner verdeutlichten, dass digitale Gewalt schwerwiegende Folgen für die psychische Gesundheit und das Sicherheitsgefühl der Betroffenen habe. Das positive Feedback und die hohe Beteiligung zeigten, wie groß der Bedarf an fachlicher Orientierung, Austausch und gemeinsamer Positionierung ist. Für kommende Veranstaltungen wünschen sich viele Teilnehmende eine Fortführung des Formats – mit zusätzlichen Workshops und Best-Practice-Beispielen. Die StädteRegion Aachen wird diesen Impuls aufgreifen und auch in Zukunft Haltung zeigen gegen digitale Gewalt – für eine Gesellschaft, in der alle Frauen und Mädchen sicher und sichtbar sind – online wie offline.

Nadine Pier
Quelle: StädteRegion Aachen
Kerstin Kosanke