Gleichstellungsarbeit beim Rhein-Sieg-Kreis: mit vielen Hebeln zum Wandel
Im Zentrum steht die Erkenntnis: Gleichstellung ist ein wichtiger Bestandteil moderner Verwaltungs- und Führungskultur und ein Erfolgsfaktor für die Fachkräftegewinnung und -sicherung. Durch das Zusammenspiel verschiedener Maßnahmen sollen Führungsverständnis und Unternehmenskultur in der Kreisverwaltung kontinuierlich weiterentwickelt werden hin zu einer modernen Verwaltung. Dafür braucht es mehrere Hebel – und eine klare Haltung!
Gleichstellung ist ein kollektiver, dynamischer Gestaltungsprozess, der das Bewusstsein für strukturelle Ungleichheiten erfordert und den Willen, diese aktiv zu verändern. Den Weg dahin will der Rhein-Sieg-Kreis durch verschiedene Maßnahmen, die systematisch in alle Organisationseinheiten hineinwirken, gestalten.
Zunächst braucht es als Fundament gute Rahmenbedingungen. Eine Vielzahl von Teilzeitmodellen, flexible Arbeitszeiten sowie moderne Arbeitsformen erleichtern insbesondere Eltern und pflegenden Angehörigen, Beruf und familiäre Betreuungs- oder Pflegeverpflichtungen unter einen Hut zu bekommen. Seit 2018 wird die Kreisverwaltung im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch das audit berufundfamilie, eine Initiative der Hertie Stiftung, unabhängig bewertet und offiziell auditiert. Vorhandene Angebote werden geprüft und optimiert, weiterführende Ziele einer familienbewussten Personalpolitik definiert und daraus resultierende Maßnahmen kontinuierlich umgesetzt.
Da die Führungskräfte hierbei eine besondere Rolle einnehmen, war die Einführung des zukunftsorientierten Führungskräfteentwicklungsprogramms „Zusammen weiter“ ein wichtiger Meilenstein. Zu dessen Zielen gehört neben dem Erarbeiten eines einheitlichen Führungsverständnisses in Form eines Kompetenzmodelles auch die Sensibilisierung zu Gleichstellungsthemen als rechtlich verankerte Führungsaufgabe. Eine einheitliche Unternehmenskultur braucht den Austausch mit den Führungskräften. Dies erfolgt bei der jährlichen Klausurtagung und in Weiterbildungsangeboten des Programms. Verknüpft ist das Programm mit einem Führungs-Feedbacksystem, bei dem die Mitarbeitenden anonym einschätzen, wie u.a. ihre Vorgesetzten zu Gleichstellung, Frauenförderung und Vereinbarkeit stehen. Dieses Feedback wird ernst genommen und fließt in die Weiterentwicklung von Führungsverhalten und -kultur ein. Auch im Programm für Nachwuchsführungskräfte, einer ca. eineinhalb Jahre dauernden Zusatzqualifizierung, gibt es im Rahmen der sog. „Kamingespräche“ mit der Kreisdirektorin einen Austausch zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Mehr Frauen in leitende Funktionen zu bringen ist das Ziel des internen Führungsfrauen-Netzwerkes. Hier zählen zu den regelmäßigen Angeboten ein monatlicher Mittagstisch und quartalsweise Veranstaltungen mit fachlichem Input.
Führungsrollen für Teilzeit zu öffnen, um bestehende Ungleichheiten auszugleichen, stellt einen weiteren Hebel dar. Die Identifikation der Beschäftigten mit der Kreisverwaltung des Rhein-Sieg-Kreises als Arbeitgeberin steigt mit der Zufriedenheit im Job - nicht zuletzt mit dem beruflichen Weiterkommen dank Aufstiegschancen, trotz Teilzeit. Durch das Jobsharing-Modell, welches den Beschäftigten ermöglicht, sich eine Stelle zu teilen, kann Mitarbeitenden mit weniger zeitlichen Ressourcen eine berufliche Weiterentwicklung mit neuen Perspektiven geboten werden. Damit sich ein mögliches Tandem in der großen Verwaltung mit mehr als 1.700 Beschäftigten finden kann, wurde die „Jobsharing-Börse“ erfolgreich installiert. Im Intranet können sich Interessierte digital unverbindlich per Formular anmelden. Die Gleichstellungsstelle bietet regemäßige Treffen zum Austausch an und unterstützt mit der Bereitstellung von Checklisten, um wichtige Aspekte rund um das Arbeiten im Tandem bzw. die Aufteilung der Stelle vorab zu klären. Auch ein behördenübergreifender Erfahrungsaustausch zwischen den Tandems findet statt.
Da unter den Beschäftigten das Thema Pflege zunehmend an Bedeutung gewinnt, werden jedes Jahr interne Veranstaltungen zu rechtlichen Aspekten der Pflege sowie zur psychosozialen Unterstützung pflegender Angehöriger angeboten. Auch geschlechterspezifische Bedarfe werden gezielt adressiert: Väter werden mit spezifischen Angeboten zur Vereinbarkeit, z.B. mit Vorträgen zu Aktiver Vaterschaft angesprochen, um sie aktiv in eine moderne Familienkultur einzubinden. Denn Gleichstellung gelingt nur, wenn Männer ebenfalls in familiäre Verantwortung eingebunden sind. Zum Equal Care Day hängt im Foyer des Kreishauses eine symbolische Wäscheleine, um auf die Bedeutung von Carearbeit aufmerksam zu machen. Speziell an Frauen richteten sich u.a. Informationen und Vorträge zu Finanzen und Altersabsicherung – wichtige Themen angesichts bestehender Rentenlücken durch Erwerbsunterbrechungen.

Teilnehmende Führungskräfte beim Workshop „Schutz vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz“.
Quelle: Rhein-Sieg-Kreis
Für ein respektvolles Miteinander, bei dem sexuelle Übergriffe keinen Platz haben, wurden im letzten Jahr mit der „Dienstvereinbarung zum Schutz vor sexueller Belästigung“ klare Standards und eine klare Haltung festgelegt. Auf der Personalversammlung wurden reale Fälle von sexueller Belästigung thematisiert, was viele Mitarbeitende berührte. Zur Zeit werden alle 180 Führungskräfte der Kreisverwaltung in halbtägigen Workshops zum Schutz vor sexueller Belästigung geschult. Ziel ist es, Wissen zu vermitteln, für Grenzverletzungen zu sensibilisieren und ein respektvolles Miteinander zu stärken.
Weitere Wirkmöglichkeiten der Gleichstellungsstelle, wie deren Vorstellung in den Einführungswochen, der erarbeitete Leitfaden Sprache, die Frauenversammlung, die Vernetzung ins Haus und das Wirken als vertrauliche Anlauf- und Beratungsstelle vervollständigen das Bild.

Bürgermeisterinnen und Bürgermeister machen mit der Orange Bank gegen geschlechtsspezifische Gewalt aufmerksam.
Quelle: Rhein-Sieg-Kreis
Facettenreich wie die interne gestaltet sich auch die externe Gleichstellungsarbeit im Rhein-Sieg-Kreis. Inspiriert aus Italien konnte seit 2021 die Aktion „Orange Bank gegen Gewalt im Rhein-Sieg-Kreis“ als Gemeinschaftsprojekt zur Prävention geschlechtsspezifischer Gewalt etabliert werden. Inzwischen hat die Aktion NRW-weit Schule gemacht. Das Besondere: junge Menschen werden zum Thema geschlechtsspezifischer Gewalt in Workshops sensibilisiert, während sie die Bänke bauen bzw. gestalten. Inzwischen stehen nahezu 60 orange gestaltete Bänke in allen 19 Kommunen im Kreisgebiet. Die Dokumentationen zur Aktion sind hier abrufbar: https://www.runder-tisch-gegen-haeusliche-gewalt-rsk.de/internationaler-tag-gegen-gewalt-an-frauen/kreisweite-aktion-orange-bank/
Letztlich soll Gleichstellung gemeinschaftlich gelebt werden. Und das ist der wichtigste Hebel für eine chancengerechte Zukunft.
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| Katja Milde Quelle: Rhein-Sieg-Kreis |
