Hochwasserallianz Bocholter Aa – Interkommunale Gewässerentwicklung im Einklang mit Natur und Mensch

13. Oktober 2022: Von Rouven Boland, Klimaschutzmanager, Kreis Borken

Im Anschluss an die Hochwasserereignisse im Jahr 2016 gingen die Kommunen entlang der Bocholter Aa sowie der Kreis Borken eine interkommunale Vereinbarung zur gemeinschaftlichen Erstellung eines Hochwasserschutzkonzeptes für die Bocholter Aa ein. Die herausfordernde Aufgabe der interkommunalen Zusammenarbeit wurde ab 2020 durch ein bundesgefördertes Projekt der deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel kommunikativ begleitet. Neben der Prozessbegleitung wurden vielfältige Beteiligungsformate erprobt und insbesondere auch die Inhalte der kommunalen Starkregengefahrenkarten bürgernah vermittelt. Die Auszeichnung mit dem Bundespreis „Blauer Kompass“ bestärkt die Akteure darin, den Prozess als Verantwortungsgemeinschaft weiter voranzutreiben.

Im Jahr 2016 kam es in Folge zweier aufeinanderfolgender Starkregenereignisse zu Überschwemmungen in den Einzugsbereichen unterschiedlicher Gewässer im Kreis Borken. An der Bocholter Aa führten die Ereignisse insbesondere in den Kommunen Bocholt, Borken, Rhede und Velen zu Schäden. Aufgrund dieser Ereignisse haben sich sämtliche Kommunen im Einzugsgebiet der Bocholter Aa dazu entschlossen, gemeinsam ein interkommunales Hochwasserschutzkonzept (HWSK) zu erstellen.

Technisches Hochwasserschutzkonzept und Starkregengefahrenkarten
Neben den direkt betroffenen Kommunen beteiligten sich also auch die Kommunen Gescher, Heiden, Isselburg, Raesfeld und Reken als „Zulieferer“ von Wasser an der gemeinsamen Erarbeitung des technischen Konzepts, wobei der Kreis Borken die Verantwortungs- und Solidargemeinschaft in koordinierender Funktion unterstütze. Nach rund vier Jahren konstruktiver und intensiver Zusammenarbeit bezieht das 2021 fertiggestellte Konzept nun den gesamten Flusslauf und deren Nebengewässer mit ein und bildet einerseits die Grundlage für die Umsetzung technischer Maßnahmen und andererseits einen fundierten Plan zur Entwicklung des Gewässers gemäß der EU-Wasserrahmenrichtlinie.


Bereits umgesetzte WRRL-Maßnahme in Borken-Hoxfeld steht für Gewässerentwicklung im Einklang mit Natur und Mensch.
Quelle: Kreis Borken

Insbesondere den Kommunen in der Vorflut war es wichtig, dass auch kommunale Starkregengefahrenkarten entwickelt wurden. Das Konzept umfasst dabei insgesamt 30 Maßnahmenvorschläge, die sich auf den gesamten Flussverlauf verteilen. Aufgrund der Vielfalt an Vorschlägen böten sich hinsichtlich der Modellrechnungen zur Gewährleistung der HQ100-Sicherheit unterschiedliche Maßnahmenbündel an.
Insgesamt erfolgte die technische Konzepterstellung in enger Abstimmung mit den beteiligten Kommunen, dem Kreis sowie der Bezirksregierung Münster, die sich regelmäßig zu den Projektfortschritten innerhalb einer technischen Arbeitsgruppe austauschten. So wurden beispielsweise auch Kosten-/Nutzen-Abwägungen von Maßnahmen durchgeführt und diesen darauf aufbauend in Abstimmung mit dem beauftragten Ingenieurbüro eine Prioritätsstufe zugeordnet.

Begleitendes Kommunikationsprojekt der Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel
Parallel hierzu wurde ein begleitendes Projekt zur Öffentlichkeitsbeteiligung initiiert, das als Leuchtturmprojekt der deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel vom Bundesumweltministerium gefördert wurde:
Das Ziel des 2020 einsetzenden Beteiligungs- und Kommunikationskonzeptes war es, das Vorgehen zur Ausarbeitung, Veröffentlichung und Umsetzung des interkommunalen entwickelten HWSK mit den an der Erstellung beteiligten Kommunen entlang der Bocholter Aa abzustimmen sowie Bürgerinnen und Bürger für die Themenfelder Hochwasserschutz, Klimafolgenanpassung und Eigenvorsorge zu sensibilisieren und einzubeziehen.  Nach der Prämisse „gemeinsam stark für die Anpassung an den Klimawandel“ wurden Kommunen sowie Bürgerinnen und Bürger zu eigenständigem Handeln mit gemeinsamer Zielsetzung befähigt – wobei der Begriff der „Verantwortungsgemeinschaft“ von zentraler Bedeutung gewesen ist.

Das Beteiligungskonzept folgte dabei den folgenden Kernzielen:

  • Information der Öffentlichkeit zum technischen HWSK
  • Aktivierung der Bevölkerung zur Eigenvorsorge über die erstellten Starkregenkarten
  • Aufbau eines strategischen, kommunikativen und operationalen Knowhows zum Thema Klimaanpassung in der Verwaltung

Gemäß dieser Schwerpunkte wurden im Rahmen des Projekts – flexibel auf die geänderten Rahmenbedingungen aufgrund der Corona-Pandemie reagierend – insbesondere digitale Veranstaltungs- und Informationsangebote entwickelt und durchgeführt: Von Radtouren entlang der Bocholter Aa mit Informationen zu den möglichen Maßnahmen aus dem Hochwasserschutzkonzept über die live gestreamte und weiterhin verfügbare Online-Veranstaltung „Wassersensibles Westmünsterland“ hin zu weiteren Bürgerinformationsveranstaltung vor Ort. Ergänzend wurden Online-Veranstaltungen zum Schutz vor Starkregen sowie zu Gründächern als Beitrag zur Klimaanpassung angeboten, um umfassend über Möglichkeiten zur Begegnung des Starkregenrisikos - auch in Siedlungsbereichen fernab von Fließgewässern - zu informieren. Weiter wurden im Rahmen des Projekts ein Erklärfilm und die innovative Online-Tourenkarte entlang der Bocholter Aa entwickelt. Flyer zur Verhaltens- und Bauvorsorge, Checklisten, ein Leitfaden zum wassersensiblen Planen und Bauen im Kreis Borken werden ebenso wie viele weitere Informationen auf der Projekthomepage www.hochwasserallianz-bocholter-aa.de gebündelt und dienen als ergänzende Instrumente für die breite Öffentlichkeitsarbeit.
Im Sinne des Kapazitätsaufbaues wurden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kommunalverwaltungen zum Thema Klimaanpassung und Sensibilisierung der Bevölkerung im Rahmen von Online-Impuls-Workshops weitergebildet. Als Ergebnis des Prozesses wurde beispielsweise ein Handlungsleitfaden entwickelt, die formulierten Ergebnisse, Erfahrungen und Handlungsempfehlungen dürften für ähnlich strukturierte Projekte von großem Nutzen sein.

Gründung der „Hochwasserallianz Bocholter Aa“


Akteure der Hochwasserallianz bei einer Exkursion zu geplanten Maßnahmen an der Bocholter Aa.
Quelle: Kreis Borken

Gleichzeitig beinhaltet der Prozess die Begleitung der internen Abstimmungsprozesse unter den Kommunen zur Institutionalisierung der weiteren Zusammenarbeit. Die Projektpartner verständigten sich mit der offiziellen Übergabe des technischen HWSK auf eine gemeinsame Absichtserklärung zur weiteren Zusammenarbeit, die neben der Abstimmung zu technischen Maßnahmen insbesondere auch langfristig auf die Einbeziehung verschiedener identifizierter Akteure sowie auf die Sensibilisierung der Bevölkerung abzielt. Entsprechend des Leitbildes der Hochwasserallianz werden langfristig die unterschiedlichen Facetten und Bedeutungen des Gewässers, unter anderem für die Artenvielfalt, aber auch als Erholungsraum für den Menschen in den Blick genommen und eine nachhaltige Entwicklung bekräftigt.
Abschließend lässt sich festhalten, dass sich bei den handelnden Akteuren durch die Verknüpfung des technischen und kommunikativen Prozesses ein Verständnis für die Notwendigkeit zum abgestimmten Handeln und eine Sensibilität für die Begegnung der Folgen des Klimawandels entwickelt hat. „Wasser macht an Grenzen nicht halt“ gilt hier für Grenzen der Kommunen, aber auch für Grundstücks- und somit Eigentumsgrenzen. Der Begriff der Verantwortungsgemeinschaft prägt den Gesamtprozess und beinhaltet in seiner Logik die verwaltungsinterne Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche, die interkommunale Zusammenarbeit – auch entlang der beteiligten Gebietskörperschaften/Zuständigkeiten, aber vor allem auch die Botschaft, dass der größtmögliche Schutz vor den Schäden durch Hochwasser und Starkregen nur gesamtgesellschaftlich gewährleistet werden kann.
Ein Alleinstellungsmerkmal ist sicherlich der Wille und die Beharrlichkeit sämtlicher am Projekt beteiligter Kommunen, die gemeinschaftlich das vielschichtige Thema gestaltet sowie hinsichtlich einzelner Reibungspunkte gemeinsame Lösungen gefunden haben und trotz einer Vielzahl notwendiger Abstimmungsgespräche „am Ball“ geblieben sind.

Bundespreis „Blauer Kompass“ gibt Rückenwind


Edith Gülker, Fachabteilungsleiterin Klimaschutz und Klimafolgenanpassung des Kreises Borken (li.), Johannes Maus, Vorsitzender des Ausschusses für Natur, Umwelt, Landwirtschaft und Klimaschutz des Kreises Borken (Mitte) und Mechtild Schulze Hessing, Bürgermeisterin der Stadt Borken (re.) nehmen in Berlin den Bundespreis "Blauer Kompass" entgegen.
Quelle: privat

Der dem Gesamtprojekt am 16.09.2022 im Bundesumweltministerium verliehene Bundespreis „Blauer Kompass“ würdigt in besonderer Weise das Engagement der am Projekt beteiligten. Für die nächsten Schritte in Richtung weiterer Umsetzung der Maßnahmen aus dem HWSK ist dies ein zusätzlicher Ansporn für die Projektpartner. Auch für die Weiterentwicklung der Projektinhalte ist dieser Rückenwind willkommen:
So ist einerseits die Installation eines einheitlichen Pegelmesssystems in Vorbereitung, um langfristig ein Frühwarnsystem zu entwickeln und die vernetzte Steuerung von Wehranlagen zu ermöglichen. Andererseits wird mit einem LEADER-Beratungsprojekt die Sensibilisierung und Aktivierung der Gebäudeeigentümerinnen und -eigentümern zur Eigenvorsorge und klimaangepassten Gebäude- und Grundstücksgestaltung weiter forciert.


Rouven Boland
Quelle: Privat