Kurzfristige Verteilung außerordentlicher Fördermittel für aus der Ukraine geflüchtete Familien

15. November 2022: Von Tobias Vorderwülbecke, Ehrenamtskoordinator im Kommunalen Integrationszentrum, Kreis Unna

Im Kreis Unna engagieren sich in jeder der 10 Städte und Gemeinden ehrenamtliche Initiativen für die Belange von Geflüchteten. Dank einer kurzfristigen Bereitstellung von Fördermitteln konnten diese auf die großen Fluchtbewegungen aus der Ukraine reagieren und den Geflüchteten das Ankommen im Kreis Unna erleichtern.

Einige der ehrenamtlichen Gruppen bestehen schon seit Jahrzehnten und haben sich im Laufe der Zeit zu hochprofessionellen Akteuren im Bereich der Integrationsarbeit entwickelt. Seit dem Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 flüchten erneut viele Menschen in den Kreis Unna, und wieder sind es die Ehrenamtlichen, welche die offiziellen Stellen unterstützen und die Willkommenskultur im Kreis maßgeblich mitprägen.

Dass das Ehrenamt in Zeiten der Not ein verlässlicher Partner ist, wird auch auf politischer Ebene längst erkannt. Das Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen (MKJFGFI) fördert das ehrenamtliche Engagement über verschiedene Projekte, so z.B. „Komm An-NRW“, welches den Initiativen eine jährliche Fördersumme bereitstellt, mit welcher diese u.a. die Miete und Ausstattung eigener Räumlichkeiten, die Umsetzung von Integrationsmaßnahmen, Fortbildungen oder eigenes Informationsmaterial finanzieren können.  Die Kommunalen Integrationszentren leiten die jeweils individuellen Fördersummen an die Initiativen weiter, unterstützen sie bei der Antragstellung, beraten bei der Umsetzung neuer und der Weiterentwicklung etablierter Maßnahmen und arbeiten in jeder Hinsicht eng und vertraut mit dem Ehrenamt zusammen.

Die durch den Krieg in der Ukraine entfachten Fluchtbewegungen stellten das Ehrenamt trotz der professionellen Aufstellung vor große Herausforderungen, denn auch vor dem Krieg waren die Ankommenstreffpunkte, Beratungsangebote und pädagogischen Maßnahmen hoch frequentiert. Nun nahmen innerhalb kürzester Zeit erheblich mehr Menschen diese Angebote wahr, Wohnungen und Sprachkurse wurden dringend gesucht und es entstand eine erhebliche Nachfrage nach Beratung, Kinderbetreuung und sozialen Kontakten. Zudem meldeten sich viele neue ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, um entweder in den Initiativen mitzuwirken oder sich von diesen beraten zu lassen. Es entstanden auch gänzlich neue Initiativen, die noch gar keinen Zugang zu Fördermitteln hatten und somit „bei null“ anfingen.

Die ehrenamtlichen Initiativen sahen sich also sowohl auf Seiten der Geflüchteten als auch auf Seiten der neuen Ehrenamtlichen mit einem massiv erhöhten Bedarf konfrontiert, der mit den bestehenden Strukturen kaum zu bewältigen war.

Das MKJFGFI entschied daher im Mai 2022, das Ehrenamt mit weiteren Geldern, die nicht in der herkömmlichen Förderung verankert waren, zu unterstützen. Für den Kreis Unna wurde hierfür eine sog. „außerordentliche Förderung“ in Höhe von einmalig 20.000€ bewilligt, die aufgrund der zeitlichen Dringlichkeit dem Ehrenamt möglichst schnell und unbürokratisch zugänglich gemacht werden sollte. Die Verteilung der Mittel oblag erneut dem Kommunalen Integrationszentrum. 

Die Herausforderung bestand nun darin zu entscheiden, aus der Vielzahl von Maßnahmen und Projekten diejenigen auszuwählen, welche die Gelder erhalten sollten. Viele Ehrenamtliche hatten jedoch auch ohne Kenntnis über diese zusätzliche Förderung bereits zahlreiche neue Angebote für die Geflüchteten (z.B. Begegnungscafés, Deutschkurse und Ausflüge) initiiert, sodass schnell eine Übersicht über die in Frage kommenden Maßnahmen erstellt werden konnte. Die jeweils individuellen Fördersummen wurden in detaillierter und enger Absprache mit den Ehrenamtlichen festgelegt; einen besonderen Fokus legte das Kommunale Integrationszentrum bei der Verteilung darauf, dass die geförderten Maßnahmen für ausnahmslos alle Nationalitäten zugänglich, niederschwellig und möglichst langfristig, nachhaltig nutzbar waren. Gleichzeitig wurde darauf geachtet, keine Angebote zu fördern, die bereits an anderer Stelle in der Kommune vorhanden waren, um Dopplungen zu vermeiden und die Mittel möglichst effektiv einzusetzen. Auch wenn die Mittel ausnahmslos an ehrenamtliche Akteure ausgezahlt wurden, waren teils auch hauptamtliche Stellen (z.B. Wohlfahrtsverbände) in die jeweiligen Maßnahmen eingebunden.

Bereits wenige Tage nach der Entscheidung über die zu fördernden Projekte wurden die Mittel ausgezahlt und konnten vor Ort entsprechend eingesetzt werden; eine formelle und umständliche Antragstellung wurde umgangen. 

Mit den Mitteln wurden u.a. neue Ankommenstreffpunkte eröffnet oder bereits bestehende erweitert, pädagogische und kreative Angebote, Willkommensfeste, Deutschkurse und Beratungsformate umgesetzt. Manche Maßnahmen richteten sich auch explizit an Frauen, Kinder oder Familien. Alle Maßnahmen ermöglichten den Geflüchteten ein Kennenlernen des neuen Sozialraums und stellten eine sinnvolle Überbrückung der Zeit bis zur Vermittlung in offizielle Maßnahmen (etwa Integrationskurse) dar.

 

Lädchen Neuland in Lünen. - Quelle: Kreis Unna

In Lünen etwa wurden die Mittel für die Eröffnung des „Lädchen Neuland“ genutzt. Hier hatte ein großes Team freiwilliger, ehrenamtlich Tätiger der Initiative „Treffpunkt Neuland e.V.“ eine Anlaufstelle geschaffen, an welcher Geflüchtete kostenlos Sachspenden aus der Bevölkerung entgegennehmen konnten, wie etwa Lebens- und Hygieneartikel oder Gegenstände zum Aufbau des eigenen Haushalts. Später wurden hier sogar gebrauchter Fahrräder aufbereitet und weitergegeben.

Das Lädchen entwickelte sich für die Zielgruppe schnell zum Ort sozialer Interaktion.

Deutschkurs für Frauen in Bönen. - Quelle: Kreis Unna

In Bönen realisierten die Ehrenamtlichen der Initiative „Zuflucht Bönen e.V.“ einen Deutschkurs mit Kinderbetreuung für Frauen, da diese aufgrund der Betreuungssituation oft nicht an derartigen Angeboten teilnehmen können. Ein weiterer Kurs für Männer und Frauen ist in Planung. Mit den Mitteln konnten u.a. Lern- und Spielmaterialen angeschafft werden.

In Schwerte wurde ein großes, interkulturelles Nachbarschaftsfest organisiert, welches den Neuankömmlingen Orientierung und ein Gefühl des Willkommenseins vermitteln sollte. Es wurden internationale Speisen, Kulturbeiträge, Spiel- und erste Beratungsangebote offeriert. 

 

Interkulturelles Nachbarschaftsfest in Schwerte - Quelle: Kreis Unna

Durch die schnelle, unbürokratische und bedarfsorientierte Weiterleitung der Fördermittel konnten die Geflüchteten nahezu unmittelbar nach ihrer Ankunft in das ehrenamtliche Hilfsnetzwerk aufgenommen werden und sofort an vielfältigen sozialen Aktivitäten teilnehmen.

Auch wurden hierbei neue ehrenamtliche Akteure, die bislang nicht in die regulären Förderprogramme eingebunden waren, in der Aufnahme ihrer ehrenamtlichen Arbeit unterstützt und die Ehrenamtslandschaft somit erweitert. Alle geförderten Initiativen konnten mit Hilfe der Fördermittel wachsen, Expertise gewinnen und neue Netzwerke knüpfen, wodurch auch in künftigen Krisensituationen auf sie zurückgegriffen werden kann.