Pflegende Beschäftigte im Fokus: die Initiative „Pflege und Beruf“ im Kreis Minden-Lübbecke
Wie bekommen Berufstätige häusliche Pflege und Beruf unter einen Hut? Das ist eine zentrale gesellschaftliche Herausforderung. Immer mehr Menschen erleben den Spagat zwischen den Anforderungen am Arbeitsplatz und den Bedürfnissen einer auf sie angewiesenen Person. Insbesondere Frauen sind überdurchschnittlich oft in der Pflege von Angehörigen engagiert. Der Kreis Minden-Lübbecke hat früh auf diese Entwicklungen reagiert. Seit 2010 unterstützt hier die Initiative „Pflege und Beruf“ – sowohl innerhalb der Kreisverwaltung als auch in den Unternehmen im Mühlenkreis.
Immer mehr Menschen in Deutschland werden älter – und damit wächst der Unterstützungs- und Pflegebedarf. Die meisten pflegebedürftigen Menschen in Deutschland werden zu Hause von Angehörigen versorgt. Dies entspricht dem Wunsch der meisten pflegebedürftigen Personen, möglichst lange in ihrer vertrauten Umgebung bleiben zu können. Auch in Minden-Lübbecke wird mit etwa 85 Prozent die große Mehrheit der über 21.400 pflegebedürftigen Menschen im Kreisgebiet zu Hause gepflegt. Bei meist einer Hauptpflegeperson und mindestens einer helfenden Person sind kreisweit schätzungsweise rund 36.000 Personen als pflegende Angehörige in die häusliche Pflege eingebunden.
Die Pflegesituation bringt für die pflegenden Angehörigen weitreichende Herausforderungen mit sich. Sie wenden bei einer durchschnittlichen Pflegedauer von 7,5 Jahren – meist unter zunehmender körperlicher sowie psychischer Belastung – viele Stunden pro Woche für Betreuung, Pflege und Organisation auf. Zu fast zwei Dritteln wird die häusliche Pflege von Frauen geleistet.
Zugleich führen u.a. die gestiegene Frauenerwerbstätigkeit und ein höheres Renteneinstiegsalter dazu, dass immer mehr pflegende Angehörige gleichzeitig berufstätig sind. Dies trifft inzwischen auf rund 70 Prozent der häuslichen Unterstützungs- und Pflegepersonen zu – ein deutlicher Anstieg gegenüber früheren Jahren.
Das ist auch für Unternehmen eine Herausforderung. Wenn pflegende Angehörige keine Balance zwischen Beruf und Pflege finden, führt dies oft zu Leistungsabfall, Krankheit oder sogar zum Ausstieg aus dem Berufsleben. Unternehmen hingegen sind – auch angesichts des wachsenden Fach- und Arbeitskräftemangels - auf gesunde, leistungsfähige und motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewiesen.
Die Initiative „Pflege und Beruf“ im Kreis Minden-Lübbecke
Deshalb hat der Kreis Minden-Lübbecke 2010 die Initiative „Pflege und Beruf“ ins Leben gerufen. Das Ziel ist es mit Hilfe kommunaler Impulse einerseits pflegende Angehörige zu informieren und zu entlasten, andererseits Unternehmen bei der Entwicklung pflegesensibler Arbeitsbedingungen zu unterstützen. Hierfür werden vorhandene fachliche Kompetenzen gebündelt und gemeinsam wirkungsvolle Unterstützungsstrukturen aufgebaut. Träger der Initiative sind das Sozialamt – in Person des Koordinators für Behinderten- und Seniorenbelange – sowie die Gleichstellungsbeauftragte des Kreises.

Der Koordinator für Behinderten- und Seniorenbelange Klaus Marschall und die Gleichstellungsbeauftragte Janina Blome von der Initiative „Pflege und Beruf“.
Quelle: Janina Blome/Kreis Minden-Lübbecke
Internes Element der Initiative
Die Kreisverwaltung Minden-Lübbecke versteht sich als Arbeitgeberin, die ihre Beschäftigten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege aktiv unterstützt. Kontinuierlich werden Maßnahmen umgesetzt, um das Thema Pflege zu enttabuisieren, praxisnahe Informationen bereitzustellen und pflegende Angehörige zu entlasten.
Im Mittelpunkt stehen themenspezifischer Informationsveranstaltungen im eigenen Haus. In regelmäßigen Abständen werden unterschiedliche Aspekte häuslicher Pflege beleuchtet – von Betreuungsrecht und Vorsorgevollmacht über Demenz bis hin zu aktuellen Entwicklungen in der Pflegeversicherung. Die Veranstaltungen enttabuisieren das Thema in der Belegschaft, sensibilisieren für die besonderen Herausforderungen für pflegende Angehörige und bieten einen niedrigschwelligen Zugang zu relevanten Informationen.
Darüber hinaus werden verschiedene hausinterne Seminare für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Pflegeverantwortung durchgeführt. Hier stehen Themen wie Stressbewältigung und Zeitmanagement im Mittelpunkt. Ergänzend gibt es Seminare, die sich auf das gesunde Kümmern und Selbstfürsorge fokussieren oder mehrtägige Seminare zur Unterstützung einer gelingenden Vereinbarkeit von Beruf, Kindern und Pflege.
Die interne Kommunikation zum Thema Pflege wird durch Informationsangebote im Intranet ergänzt. Zusätzlich wird das Thema regelmäßig im Austausch mit Führungskräften oder dem Personalrat angesprochen. Auf Wunsch werden auch in einzelnen Ämtern Informationsvorträge angeboten – individuell zugeschnitten auf die Bedürfnisse vor Ort.
Der Koordinator für Behinderten- und Seniorenbelange steht ebenso wie die Gleichstellungsbeauftragte für die Kolleginnen und Kollegen als Ansprechperson für alle Fragen rund um das Thema Pflege zur Verfügung.
Eingerahmt werden die Aktivitäten der Initiative durch Angebote der Kreisverwaltung in Bezug auf die Flexibilisierung von Arbeitsort und Arbeitszeit.
Externes Element der Initiative
Im Kreisgebiet bietet die Initiative interessierten Unternehmen kostenfreie Erstgespräche zur Abklärung eines sinnvollen Einstiegs in die Thematik an. Darüber hinaus steht die Initiative für Informationsveranstaltungen vor Ort in den Unternehmen zur Verfügung. Die Veranstaltungen werden von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sehr begrüßt.
Fachleute aus dem Kreis machen zudem auf Vorträgen, in Fachgremien und Veranstaltungen auf die Bedeutung des Themas aufmerksam. In Kooperation mit Partnern wie dem Arbeitgeberverband oder der lokalen Regionalagentur organisiert der Kreis darüber hinaus themenspezifische Fachveranstaltungen für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber in der Region.
Ein zentrales Element der Initiative seit 2016 ist die Pflegeguide-Fortbildung – sie qualifiziert Ansprechpersonen im Unternehmen für Beschäftigte und Führungskräfte. Auf Anfrage vermitteln diese Pflegeguides Kolleginnen und Kollegen zu lokalen Hilfeangeboten, wirken bei innerbetrieblichen Unterstützungsmaßnahmen mit und entlasten durch persönliche Gespräche. Die Fortbildung umfasst zwei Vormittage und ist für die Unternehmen kostenfrei. Aktuell gibt es mehr als 100 aktive Pflegeguides in über 60 Unternehmen. Zum fachlichen Austausch lädt der Kreis die aktiven Pflegeguides zweimal jährlich zu Netzwerktreffen ein – ein Format, das Praxiswissen teilt, untereinander Vernetzung schafft und das Engagement stärkt.
Fazit
Als mittlerweile fest etabliertes Element im Kreis Minden-Lübbecke ist die Initiative Pflege und Beruf Teil der kommunalen Pflegeplanung. Viele Unternehmen haben inzwischen die Notwendigkeit erkannt, sich für eine gelingende Vereinbarkeit von Pflege und Beruf für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzusetzen. Dennoch ist die größte Herausforderung der Initiative, Zugang zu möglichst vielen Unternehmen im Kreisgebiet zu finden. Ist ein Einstieg in die Zusammenarbeit erfolgt, werden die Impulse in der Regel sehr positiv aufgenommen und erfolgreich umgesetzt. Dies ist insbesondere für die vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen im Mühlenkreis ein großer Gewinn.
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| Janina Blome Quelle: Kreis Minden-Lübbecke |
