Warum es mehr Preise für Frauen braucht

16. Juli 2025: Von Astrid Günther, Gleichstellungsbeauftragte, Kreis Euskirchen

Im Kreis Euskirchen wird seit 2005 eine „Frau des Jahres“ durch den Margaretha-Linnery-Preis ausgezeichnet. So erfahren engagierte Frauen, die im Kreis Euskirchen wirken, eine öffentliche Würdigung ihrer Arbeit. 2025 wurde der Preis an Ellen Mende, eine Mitarbeiterin der Frauenberatungsstelle „Frauen helfen Frauen“ in Euskirchen, verliehen. Diese Auszeichnung hat Strahlkraft über den Moment der Auszeichnung hinaus. Sie ist lebendiger Beweis für die Sichtbarkeit weiblicher Leistungen und Ermutigung für Frauen, aus dem Schatten in das öffentliche Scheinwerferlicht zu treten.


Logo des Margarheta Linnery Preises.
Quelle: Kreis Euskirchen

Frauen leisten viel und zeichnen sich durch großes Engagement aus. In der Vergangenheit hat ihr Wirken nicht die gleiche Wertschätzung und öffentliche Aufmerksamkeit erfahren wie die von Männern. In den meisten Kreisen sind - wenn überhaupt - höchstens 10 % der Denkmäler von und für Frauen, ähnlich sieht es bei Ehrungen und Preisen aus.

Um das im Kreis Euskirchen zu ändern, wurde 2005 vom „Arbeitskreis Frauen“, der sich aus gesellschaftlich und politisch engagierten Frauen im Kreis Euskirchen zusammensetzte, ein Preis ins Leben gerufen. Jahr für Jahr wurde aus Vorschlägen von Einwohnerinnen und Einwohnern des Kreises eine „Frau des Jahres“ ausgewählt und in der Folge ausgezeichnet. Ein Name für den Preis war auch schnell gefunden. Margaretha Linnery gründete bereits 1594 in Münstereifel im Kreis Euskirchen eine Schule für Mädchen, in der mehr als 250 Jahre lang Mädchen Bildung erfahren durften. Zu den Preisträgerinnen des Margaretha-Linnery-Preises gehörten seit 2005 zum Beispiel Historikerinnen, eine Hebamme, eine Profi-Fußballerin und Sozialarbeiterinnen.

Der Arbeitskreis Frauen löste sich 2019 auf und die Corona-Pandemie vereitelte darüber hinaus weitere Veranstaltungen zur Preisverleihung. Aber der Wunsch, Frauen im Kreis Euskirchen die gebührende Anerkennung zu geben und sie mit einem Preis in die öffentliche Aufmerksamkeit zu holen, blieb lebendig. Auf Initiative von zwei Gründungsfrauen des ursprünglichen „Arbeitskreis Frauen“ wurde die Vergabe des Margaretha-Linnery-Preises an den Kreis Euskirchen übertragen. Die Öffentlichkeit wurde über die Presse und die Social-Media-Kanäle des Kreises aufgefordert, Vorschläge für die Frau des Jahres 2025 zu machen.

Die Kandidatinnen für den Preis sollten dabei durch ihr berufliches Engagement in besonderer Weise für Geschlechtergerechtigkeit und (Selbst-) Ermächtigung von Frauen wirken oder gewirkt haben, z.B. in den Bereichen Frauen- und Mädchenförderung, Politik, Gesellschaft, Gesundheit, Soziales, Städtebau, Wirtschaft, Arbeitswelt, wissenschaftliche Forschung und Kultur. Aus den eingehenden Vorschlägen wählte eine vielfältig besetzte Jury für das Jahr 2025 Ellen Mende aus, die sich sowohl als langjährige Mitarbeiterin der Frauenberatungsstelle „Frauen helfen Frauen“, als auch als Kreistagsmitglied für die Partei „Die Grünen“ in ihrem Engagement für Frauen verdient gemacht hat.


Landrat Markus Ramers und die Gleichstellungsbeauftrage Astrid Günther gratulieren der Preisträgerin Ellen Mende (Mitte).
Quelle: Sven Gnädig/Kreis Euskirchen

Als Gleichstellungsbeauftragte war es meine Aufgabe, die zukünftige Preisträgerin darüber zu informieren, dass sie mit dem Margaretha-Linnery-Preis ausgezeichnet werden soll. Die unmittelbare Reaktion von Ellen Mende „Was ich?!?“ erscheint mir dabei ganz typisch für die Bescheidenheit und Zurückhaltung vieler Frauen, die Großartiges leisten und dafür keine Anerkennung beanspruchen. Aus meiner Sicht unterstreicht diese Reaktion, wie notwendig es ist, Frauen unbedingt auch öffentlich für ihre Arbeit auszuzeichnen.

Die Preisverleihung erfolgte im Rahmen eines Festaktes am 10. März 2025. Ellen Mende durfte hier gemeinsam mit mehr als 100 Gästen auf ihr Leben und Wirken zurückblicken, z.B. auf ihr schon frühes politisches Engagement, auf ihren Einsatz für gewaltbetroffene Frauen in der Beratungsstelle, auf das Meistern von Krisen, auf den Balanceakt als alleinerziehende Mutter berufliches und politisches Engagement mit den Bedürfnissen ihrer zwei Kinder zu vereinbaren und auf ihr gradliniges und beharrliches Wirken im Runden Tisch gegen häusliche Gewalt. Es wurde deutlich, dass es viel Anerkennenswertes im Leben von Ellen Mende gibt und es absolut verdient ist, diese engagierte Präsenz ganz bewusst ins Scheinwerferlicht zu bringen und anderen Menschen bewusst zu machen. Familie, Kolleginnen, Weggefährtinnen und Wegefährten gaben positive Rückmeldung, lobten, applaudierten und feierten die Preisträgerin.


Bis auf den letzten Platz gefüllt war der große Sitzungssaal im Euskirchener Kreishaus, als Ellen Mende zur „Frau des Jahres“ gekürt wurde.
Quelle: Stefanie Plasa/Kreis Euskirchen

Ich war selber sehr berührt von den Emotionen, die diese Preisverleihung nicht nur bei der Preisträgerin, sondern auch bei den Gästen ausgelöst haben. Mir wurde dabei noch einmal bewusst, im Grunde wünsche ich jeder Frau genau das (mindestens) einmal erfahren zu dürfen: die ungeteilte Aufmerksamkeit für das, was sie leistet, ein Bad in freundlichen, lobenden Rückmeldungen und maximale Wertschätzung und Würdigung. Ich bin überzeugt, dass diese Erfahrung großes Potenzial für die Entfaltung von Frauen birgt, denn Zweifeln werden hier Anerkennung und Ermutigung entgegensetzt und das kann unglaublich beflügeln.

Es ist Zeit, Frauen für ihr oftmals stilles Wirken mehr Bühne zu geben. Es ist Zeit, das Bewusstsein für den oft selbstverständlichen Einsatz von Frauen schärfen und ihnen offensiv Preise zu verleihen und Denkmäler zu setzen. Genau jetzt.